2026/01/09

Verstehen

Vielleicht bin ich ja übersensibel. Der Stromausfall in Berlin und diese geballte Aufregung, warum etwas so lange dauert wie es dauert und dass es ja wohl eine Frechheit sei. Ermüdend, weil es immer auf das gleiche hinaus läuft. Aufregung um der Aufregung willen. Über Dinge, von denen man nur rudimentär (wenn überhaupt) eine Ahnung hat. Zum Glück hat sich das nach ein paar Tagen dann rumgesprochen, was im konkreten Fall an Aufwand dahintersteckt, alleine ein Provisorium zu schaffen. Wahrscheinlich geht es den Leuten auch gar nicht darum, zu verstehen, warum etwas wie lange dauert. Aufregen als verbindendes Zusammengehörigkeitsgefühl, die inneren Wutbürger befriedigt.

Irgendwo im Netz ging es neulich um eine Baustelle im städtischen Straßenraum. Dort wurden kürzlich Fernwärmeleitungen verlegt und die Fahrbahn wieder hergestellt. Alles fertig. Nun die Ankündigung, dass der Bereich umgestaltet werden soll, also erneut eine Baustelle kommt. Die Aufregerei war groß - wieso man das alles nicht kombinieren könne und dann einmal alles fertig macht. Klar, sieht man immer wieder, Baustelle ist im Gange, Baustelle ruht, Baustelle fertig, nächste Tätigkeit am selben Ort. Warum ist das so und warum geht es nur schwerlich anders? Die Auftraggeber sind die Kommunen und Städte, teils deren kommunale Versorgungs- und/oder Entsorgungsunternehmen. Die Verwaltungen haben zwar eigene Bauabteilungen in den Ämtern, sind aber per se darauf ausgerichtet, Vorgaben der Politik umzusetzen auf eine Art, die den festgesetzten Budgets der Haushaltsplanung und den geltenden städtebaurechtlichen Anforderungen entspricht. Die erstellen also Leistungsverzeichnisse für bestimmte Maßnahmen sofern die Gelder im Haushalt da sind. Man schreibt aus, muss Vergaberecht ein- und Kosten gering halten.

Die Komplexität eines Projektes mit unterschiedlichen Gewerken ist oft schon Anlass für höhere Kosten, da irgendjemand den Kram koordinieren muss. Das kostet, und heutzutage nicht zu knapp. Wenn dann noch verschiedene Maßnahmen aus Tiefbau und Straßenbau und Landschaftsgestaltung und Verkehrsleitsystemen zusammen kommen, gepaart mit Versorgern und sämtlichen externen Dritten wie Bahnnetzbetreiber, Verkehrsbetrieben, Prüfern usw. wächst dieser Koordinationsaufwand exponentiell. Kein Auftragnehmer wird es sich freiwillig antun, so etwas zu koordinieren, selbst wenn es dafür die Gelder gäbe. Das terminliche und damit kostenmäßige Risiko der liegt dann nämlich komplett bei diesem Generalunternehmer. In einer Zeit, in der die Fachfirmen eh schon an der Auslastungsgrenze arbeiten, kaum noch Personal und Ressourcen übrig haben, wird man schlichtweg niemanden finden, der sowas mitmacht. Die vielleicht naheliegende Lösung, externe Projektsteuerer für ausschließlich dies Aufgabe hinzuziehen scheidet für öffentliche Auftrage aus Kostengründen nahezu aus.

Die öffentlichen Auftraggeber sind personell und fachlich oft unterbesetzt weil kaputtgespart und damit für eine tiefergehende Koordination eh raus. Geld gibt es für diese Leistungen in den Haushalten auch keins. Zumal kein Steuerzahler es beklatschen würde, wenn eine Baustelle zwar schön koordiniert, dafür aber mal mindestens 20% teurer wird. Und das ist noch am unteren Ende der aktuell üblichen GU-Aufschläge.

Am Ende geht es aber vielleicht tatsächlich nur darum, sich aufzuregen und gar nicht ums Verstehen. Irgendwie ernüchternd und bisschen schade. Wir sind nämlich alle nur Laien in den allermeisten Gebieten.

Mein Job hat mich mittlerweile zigfach gelehrt - Du musst etwas wirklich verstehen bevor Du Dir ein Urteil erlaubst. Wir bekommen fast jede Woche irgendein Problem eines Kunden auf den Tisch bei dem etwas kaputtgefahren wurde, etwas nicht so funktioniert wie erwartet oder man Phänomene beobachtet, zu denen man keine Erklärung hat. Ob da ein Behälter aufgrund eines Dampfschlages von den Sockeln gehüpft ist, Pumpen oder Armaturen mit übermäßigem Verschleiß ausfallen, Förderanlagen plötzlich nicht nachvollziehbar schlecht laufen, Ermüdungsbrüche in bestimmten Anlagenteilen auftreten oder verfahrenstechnische Auslegungen eventuell fehlerhaft waren und nun die Anlage nicht die vertraglich zugesicherten Grenzwerte einhält. Das fordert manchmal wochenlanges Suchen mit vielen Sackgassen, oft im Ausschlussverfahren, Analyse von Messdaten usw.. Weil man dabei selbst vorschnell eine Option wegen des eigenen Erfahrungs-Bias ausklammert, hilft es, nüchtern zusammenzutragen und zu analysieren, methodisch und neugierig zu bleiben. Am Ende hat immer geholfen - ruhig zuhören, beobachten, nachfragen, auswerten - verstehen.

Mir wäre übelst langweilig, wenn es diesen Teil in meiner Arbeit so nicht gäbe. Hilft zudem auch sonst im Leben.

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