20 September 2026

Bauchgefühl

Ich hatte eine schwarze Tafel an der Wand, vom Boden bis über meinen Kopf, von der Tür bis zum Fenster. Und jede Menge bunte Kreide. Nervig war immer, die abgewischte Kreide, bzw. die kunterbunte Soße von der Scheuerleiste aufzuwischen. Aber es war prima. Wildeste Dschungel oder Prärie mit Geiern - alles was gelesen, gehört und irgendwie aufgeschnappt wurde, kam irgendwann da drauf. Ich hatte es zu oft gesehen, im Atelier, dieses Zurücktreten, das Augenzusammenkneifen, den Pinsel zwischen die Lippen gepresst. Das sah irgendwie dazugehörend aus. Also hab ich das dann auch so gemacht, auch wenn da der Pinsel grad zu nix anderes benutzt wurde. Abstand, Überblick, wirken lassen.

Abstand ist ja immer ein Blumenstrauß an Möglichkeiten. Zum Vermissen, zum Ruhe genießen, zum Überblick verschaffen, zum Wahrnehmen was wirklich ist. Und eben auch um festzustellen, wo man alle Antworten schon hatte. Wo das Bauchgefühl schon längst wusste, was kommt.

Der Move mit dem Streichfett - Chapeau - hatte funktioniert. In dem Moment hatte ich gegen mein Bauchgefühl gestimmt.

Ich glaub, es gibt keinen idealen Zeitpunkt. Ich schätze die Vorsicht, mit der versucht wurde, mir die Augen zu öffnen. Das ist lieb, war aber eben zu spät. Ich schätze auch die Geduld, sich endlose Zeilen und Ausschnitte durchzulesen und diplomatisch damit umgehen zu wollen. Letztlich alles völlig unnötig, weil der wichtigste Ratgeber ja immer an Bord ist. Bauch, so wichtig.

[Hier stehen jetzt Dinge über Körper, jemandes Selbstbild und Unsicherheiten, Bodyshaming dritter und warum ich da so sensibel bin und mir das sofort auffällt, ganz bewusst nicht.]

Manchmal sollte ich mehr auf mein Bauchgefühl achten.

Ich mag Mathematik, sogar Statistik und Wahrscheinlichkeit (wenn das mein Mathe-Prof wüsste...). Und doch gibt es manchmal Momente, bei denen da noch etwas anderes wirkt. Ich kenne Menschen, die dann instantan mit Schwurbeldimensionen anfangen, oder Schwingungen oder dem Universum. Ich bleib bei Zufall.

Ebendieser, gerade jetzt. "Es ist halt was sehr anderes, wenn Du vieles miteinander durchgestanden hast." - nicht meine Worte, aber von jemandem, der es wissen muss. "Respektvolles Loslassen" trifft's ganz gut. Geht nämlich alles ohne verbrannte Erde. Und dann ist es einfach ein Zufall der passiert und sein darf. Und wenn da in einer Bio ein "let go of what was, accept what is, have faith in what will be" steht und man dazu nicken kann dann ist das in Ordnung so. Und dann kann man sich fragen und antworten und weiß, wie gut es war und ist, sich diesen Respekt zu erhalten. Das ist (Zitat) "irgendwie schön" und dabei ist das ein Stück Eigenlob, wegen des gelebten Verzeihens.

Ich hab da sehr genau zugehört, wie jemand über seine Vergangenheiten spricht - nicht nur über die Details, sondern was davon geblieben ist, welche Einstellung, welche Haltung. Das erzählt einfach alles was ein Bauchgefühl so braucht.

[Hier stehen jetzt Dinge über die formulierten Bilder und Äußerungen über Vergangenheiten, ob Menschen, Jobs oder Situationen und warum mein Bauch da ebenfalls Alarm geflüstert hat, ganz bewusst nicht.]

Und wenn schon Zufall, dann eine ordentliche Portion für mich bitte. Keine 48 Stunden später eine Seite Papier, handgeschrieben. Von wegen "es ist ja so ein Generationsding, das können die nicht", so ein bisschen "so war das eben und das ist so". Da hat jemand Ü70 ihren Mut in wenige Worte gepackt und gezeigt was leid tut und welcher Wunsch damit verbunden ist.

"Wie geht's Dir damit? Und was machst Du jetzt?" - ich mag Menschen, die die richtigen Fragen stellen. Es ist "irgendwie schön" und der Bauch regelt.

loser Gedanke 1 - "Ich kann hier nicht weitermachen, der Job macht mich zu einem unemphatischeren Menschen." Wie oft in mir dieser Satz von vor etlichen Jahren aufploppt. Der war so dahingesagt damals. Unscheinbar, aber bis heute haften geblieben, wegen der Bauchgefühligkeit. Und alles was da dran hing und dann kam - die Angst, das Ungewisse, die Veränderungen - umzudrehen zu einem "Bock drauf was gutes draus zu machen" - das hat ganz schön abgefärbt.

loser Gedanke 2 - "...da hast Du aber ganz schön getrödelt..." oder "...ist ja kein Wunder, wer fährt denn noch nicht-Tubeless...". Da ziehen mich Leute mit voller Absicht auf und ich mag's. Leute, die in sich ruhen und keine Angst ob anderer Leute Fitness haben. Alle machen ihr Ding, so wie es für jeden passt, ohne Neid, ohne Angst, ohne Vergleicherei - und ohne jegliche Abwertung.

loser Gedanke 3 - der Genmaicha is alle, hoffentlich gibt's die 1-Kilo-Packungen noch

loser Gedanke 4 - Abstand 

loser Gedanke 5 - Bauchgefühl 

15 September 2026

13 September 2026

Vom Feeling her

Was ein Abriss. Eine volle Freiheit ist schon muggelig, aber ne volle Freiheit am Abgehen ist vom Feeling her ein gutes Gefühl.

Das April-Ticket ist gut nachgereift, dieses Warten hat sich so richtig derbe gelohnt. Einfach nice, inklusive liebevoller Moshpits. Stellenweise war's knapp mit der angekratzten Stimme. Weil Kiez = Business = früher Beginn & Party danach. Und ich bin immer noch unentschlossen ob ich das gut oder doof finde. Bleibt so auf jeden Fall noch was vom restlichen Abend.





Alles ohne Drama, niemand stört sich an nicht an ihrem Platz verharrenden Menschen, Leuten die kreuz und quer auf dem Weg zu und von den Bars sind und random Leuten die asynchron bewegt einfach Spaß hatten. Sogar verlorene Brillen wurden vorsichtig über die Köpfe weitergereicht.

07 September 2026

Schönes gegen Doofes

Vor einem Monat mit Freunden aus Berlin, Hamburg und Dresden hier zum Konzert getroffen und dann mit Umwegen nach Hause geradelt. Weil es damals zeitlich nicht gepasst hatte, endlich mal wieder die Langzeitfreunde besucht. Großgewordene und ausgezogenen Kinder, Fachabi-Alter und Kinder der Kinder vom Bruder. Eine PV-Anlage die mittlerweile fast nur noch Schattenspender im Garten ist und mit der Grund war, dass ich das studiert was es dann wurde. Fachsimpeleien über Erdwärmesonden und Bohrgestänge, Elbpaddeleien und die Zeiten vor, während und nach der Wende.

Ein Samstag zusammen durch wilde Buntheiten und baufällige Fotomomente




K wie Kleingeldprinzessin. Die Ordner auf dem NAS sind halt schon etwas älter. Und jedes mal spring ich zwischen K und D. Schön, endlich mal in echt und draußen und bunt. und so passend zu Ort und Fühl als eins von drei älteren Liedern. Es war das letzte Konzert zum aktuellen Album das irgendwie ja drei sind - wie kann ein Mensch so Energie und gute Hoffnung verbreiten wie Dota? Oder bin ich da nur besonders empfänglich weil ich einfach so müde bin, von negativer Energie, schlechter Laune und ständigem Aufregen über alles? Vielleicht gerade deswegen so gut, da gewesen zu sein.



Ein Sonntag in Kernzonen, durch matschige Felswiesen und über Sandstein, ein mehrfaches Springen zwischen tschechischen und deutschen Funknetzen. Eine zufällige Begegnung an einer Engstelle, jemandin eine Höhenangst weggespottet und kurz darauf miteinander drüber gelacht und sich später zufällig wieder getroffen, eine schöne Unterhaltung über das woher und das Leben auf der Rückfahrt.


Die Rück- und Heimwege haben dann alle wieder zusammen geführt, auch den Rest der Verreisten und Arbeitenden. Eine schöne Sonntagsabendstimmung.

Ein Morgen fast in Routine, wie so oft - nur anders.


Ein Kaffee, ein Himmel, ein Ballon. Ein Moment.

Herz, dran

Klebt dran.

Braucht halt Zeit und Vertrauen sich anzulehnen, einzulassen und in etwas aufzugehen.

Ich war und bin nicht gut darin, Dinge wegzuwerfen und Verbindungen zu kappen. Mir ist diese Schnelllebigkeit zuwider, die da im Wegwerfen liegt. Ich habe nie verstanden, warum man kaputtmachen soll, was einem etwas bedeutet, nur weil ein Teil wegbricht. Vielleicht auch, weil ich gesehen habe, was diese destruktive Verbitterung mit Menschen anrichtet. "Hass ist das Gift, dass Du trinkst, während Du darauf wartest, dass der andere stirbt." - diesen Satz hat mir jemand vor sehr vielen Jahren einmal mitgegeben und ich bin diesem Menschen immer wieder dankbar dafür.

Und so klebt es da, an so vielen Ecken und Momenten. Mit Duosan Ambivalenz+.




[wie schwer es mir fällt, mein Herz abzuknibbeln von jemandem - trotz all der bösen Worte

vielleicht aber gerade deswegen

um genau das zu lernen und weil Hass nie gewinnen darf]

die Abwesenheit von Frieden

In der Bahn sitzen können, rausgucken, festgucken, Kopf leerschreiben.

Vielleicht wird es einfach nur Glück gewesen sein, zur richtigen Zeit am richtigen Ende der Welt gelebt zu haben. Ostblock, Nachkriegssysteme, Wende, Europa, Frieden. Vielleicht waren diese paar Jahrzehnte die Ausnahme. Vom Krieg. Zwischen Systemen, die so kaputt sind, dass sie ihre Daseinsberechtigung irgendwann über den Weg von Konflikten versuchen aufrechtzuerhalten.

Wir kauen als Gesellschaft auf den unverdauten Brocken rum, die uns Corona hinterlassen hat. Drei Jahre in denen Verstand gegen Schwurbler, Gemeinsinn gegen Egomanie, Menschenrechte gegen Gier eingetauscht wurden. Verwerfungen die bis heute wirken. Wir taugen als Gesellschaft wenig, wenn der Maßstab ist, gemeinsam auszuhalten, solidarisch zu sein. Ohne die anderthalb-, zweitausend Kilometer zwischen hier und dort, ohne dieses Land, das seit vier Jahren aushält, gegenhält, wären wir schnell am Ende.

Vier Jahre, und immer wieder frische Gräber. Auf jedem noch so kleinen Dorffriedhof ein paar. Noch nicht verwelkte Blumen und raschelnde Folie, Schleifen, ein paar Kränze, beiderseits die Fahnen - gelb/blau und rot/schwarz. In jedem Ort. Wie auch in jedem Ort ein Platz mit reihenweise Tafeln. Aufsteller, mal ein Dutzend, mal hunderte. Die blaugrüngrauen Lichtbild-Porträts wie sie in den Militärausweisen kleben, aber auf A1. Junge Gesichter, alte Gesichter, müde und leere Augen. Namen, Alter, Dienstgrad, Einheit usw.. Es gibt in diesem Land niemanden, in dessen Familie oder Verwandtschaft nicht jemand versehrt oder getötet wurde.

Jeden morgen um 9 Uhr stehen alle still, Straßenbahnen und Müllautos, Nonnen und Frisöre. Eine Minute Gedenken. Man sieht kurz die weggewischten Tränen in manchen Gesichtern danach und staunt über geschäftiges Weitermachen. Wenn der fünfte Winter wartet, wenn Dein Leben von Luftalarm und Straßensperren, von 9-Uhr-Gedenkminuten und frischen Gräbern bestimmt wird, von Stromausfällen und zu Schutzräumen umfunktionierten Tiefgaragen, dann ist ein Sommertag abseits des Grauens nicht nur ein paar Stunden Normalität sondern voll intensivem Leben.

Das Leben geht weiter, Garten bestellen, Garage fertig mauern, Haus bauen, renovieren, Laden öffnen, zur Schule gehen, Studieren, Arbeiten. Und doch sind die Pausen und Auszeiten, die kleinen Fluchten anders. Die leichten Momente werden bewusster gelebt. Die Selfies vor dem Bergpanorama, der Wochenendausflug auf dem Motorrad, das Flanieren auf der Promenade an den Eisständen vorbei, die Abende in den Cafés und Bars. Es ist fast nicht Krieg, bis eben doch. Ein Sein im krassen Gegensatz zwischen Lebenshunger und Zerstörung. Niemand hält das ewig aus - dieses Ausharren in ständiger Wachsamkeit dieses "war is boring - until it's not". Die Menschen mit denen ich Kontakt hatte waren einerseits müde davon, hatten da oft auch eine Ernstheit, Traurigkeit und Wut aber ganz besonders offensichtlich - eine ungebremste Lebensfreude in dem jeweiligen unbeschwerten Moment.

Im Keller der robotron-Kantine Arbeiten aus dem hier und jetzt einiger Agentur Ostkreuz-Fotograf*innen. Oben mehr der Blick ins früher. Im Keller ist es kalt - nicht nur wegen der Feuchte und dem Beton. Es sind verschwommene Schemen von Portraits, dem Grauen in den Geschichten. Eine 101jährige, Krieg, Stalin und nun wieder Krieg. Eine über 80jährige, eingehüllt in Wintermantel neben dem Gasherd in der Küche, das einzige was wärmt. Und es gibt Filmschnipsel, Fragmente die wehtun. Nach drei Wochen ein paar Meter durch die Wintersonne Kiews gehen. Um dann wieder in die vermeintlich sichere Wohnung zurückzukehren, mit dem sichersten Platz auf einer Matratze im Flur, abseits von Glasscheiben und Badspiegel, das warten im Dunkeln und Einsamkeit. Das Überleben einer alten Frau.

Europa wäre am Arsch ohne diese Resilienz. Und wir sind es einfach schuldig, alles zu tun, um dieses Land zu unterstützen. Wir könnten nicht, was diese Menschen da aushalten und leisten. Und dabei all die Herzlichkeit behalten, wie sie mir begegnet ist.

zur Tiefgarage
zur Tiefgarage

04 September 2026

Sommerloch

Der August hat mich verschluckt. Augen reiben, sich selbst zwicken, doch doch. 

Drei Abende, drei Städte, drei Konzerte, ein CSD, eine Ausstellung.

Alligatoah
Alligatoah


Nick Cave & The Bad Seeds

Neues entdecken, Zeit und Alltag vergessen, nicht wissen welcher Wochentag ist, gucken und stauen und aufsaugen.

Planschen
Planschen


Ankommen, glücklich & dankbar sein, ein Kopf der sich mit dem Körper über das Erlebte um die Wette freut, keine nervige Post im Briefkasten, ein paar Tage chillen, Konzert um die Ecke.

Kraftklub
Kraftklub

Dieses Sommerloch war einfach unglaublich schön.

01 September 2026

DD-HH

Es wird noch ne Weile brauchen, das alles zu verarbeiten.

Karte
Spot-Tracker-Karte

Die Kilometer und Zahlen sind mir egal, nichts tat (körperlich) weh und (fast) alles war schön. Es sind die Begegnungen, die Gerüche, die Geräusche, die Gefühle entlang der Tage und Nächte. 

22 Tage
4.760,5 km
96.587 Kalorien
ein paar Momente



27 Juli 2026

Hartweizengold

Ob es eine Nudelpreisbremse geben wird? Wahrscheinlich eher Soylent Green.

this is fine 

falsche Kreuze

Fakten, LOL, schon lange nicht mehr. Mindestens seit Corona. Selbst die Betroffenen solche Studienergebnisse akzeptieren würden - ich bin mir mittlerweile sicher, dass es an der Trotzhaltung "gegen etwas/alle/diedaoben/Ausländer/Linke/Grüne/etc." zu sein, nichts ändern würde. 

"...würden Menschen dort im Durchschnitt jährlich rund 1.600 Euro pro Kopf an Einkommen verlieren; zudem könnten rund 10.000 Arbeitsplätze verloren gehen. Die Einkommensverluste durch eine AfD-Politik könnten in Sachsen-Anhalt bis zu doppelt so hoch ausfallen wie im Bundesdurchschnitt."

AFD ist ein Kult, ein faschistischer. Und der funktioniert nicht über Rationalitäten, Wahrheiten oder Fakten. Auch wenn es jeden treffen würde - so bleiben sie dabei, sich in die Kacke zu wählen - aus Prinzip, aus Protest, aus Zusammengehörigkeitsgefühl, aus zu-irgendwas-dazu-gehören-Wunsch.


Ob sie's merken würden, wenn man zeitgleich mit neben dem Kackhaufen gesetzten Kreuz die Kohle einzieht? So nämlich.

PS: andere Bundesländer mitgemeint