11 Oktober 2026

Glotzer

Agent Orange saubergemacht und in den Winterschlaf geschickt und dabei fiel mir dieser Moment ein.

Anfang Sommer stand das da auf einmal auf der Hochwasserschutzwand geschrieben. Ich komme da nicht mehr so oft wie früher lang, nehme aber immer bisschen Tempo raus und schau, was es neues gibt. Da ist seit letztem Jahr jemand öfter mit Edding unterwegs und ich freu mich jedes Mal, was neues zu finden.


GLOTZER
Ich sehe nicht den Blick in deinen Augen
Ich sehe nur deine Augen
Deine Körperhaltung was sagt sie aus?
Keine Ahnung ich starr nur drauf
Hab ich 'nen Gehirnschaden oder bin im Wahn?
Nein, bin nur ein verschissener Mann...

Alle Frauen die ich kenne, können davon erzählen.

Ich war glaube 14 oder 15 damals. Es war Sommer. Statt Straßen- und S-Bahnen nun Überlandbusse, vielleicht fünf am Tag. Einkäufe wurden geplant und koordiniert mit den Besorgungen in der Stadt, die ein Landleben so erfordern. Aus irgendeinem Grund war ich mit meinen Eltern in der Stadt verabredet, vielleicht nach der Schule oder sowas.

(Das ganze Thema rund um von-A-nach-B-kommen war eh völlig kaputt in dieser Familie und beschränkte sich auf Momente wo man etwas "Nützliches" oder "Notwendiges" damit verbinden konnte, jemanden mitzunehmen oder abzuholen. Die Kinder extra irgendwo hinzufahren oder abzuholen kam quasi nicht vor. Das das in anderen Familien komplett anders empfunden und gelebt wurde sollte mir erst Jahre später so richtig derbe auffallen und wehtun. Kein Wunder, dass mit dem Rad und den langen Strecken.)

An diesem Sommernachmittag starb in mir ein großer Teil des bis dahin irgendwie vorhandenen Respekts gegenüber meinem Vater. In dieser Fußgängerzone, vielleicht zweihundert Meter vor dem Markt, kurz vor dem damals einzigen Musikgeschäft. Leute saßen draußen vor Cafes, Ständer mit Klamotten vor den Geschäften, Touristen mit Kameras, eine Schlange vor dem Eisladen an der Ecke. Wir gingen nebeneinander. Der Moment als mein Vater eine uns entgegenkommende junge Frau anglotzte, förmlich mit seinen Blicken auszog und den Kopf drehte als sie an uns vorbei ging um ihr noch ewig hinterherzustarren. Um dann triumphal grinsend meine Mutter und mich anzugucken. Was er damals kommentierte habe ich nicht mehr in Erinnerung und vielleicht schon damals nicht mehr gehört. Das ganze hat sich wie ein Film eingebrannt, ein schlechter. 

Dieser Moment als ich dieses Unbehagen spürte und mich kurz versicherte, damit nicht alleine zu sein. Die versteinerte Miene meine Mutter, eine Mischung aus Schmerz, Stolz und Scham. Ab diesem Moment hatte ich immer ein Grundgefühl von Ekel vor ihm. Und ich war alarmiert aufmerksam ab da. Wie viele Momente da waren, ich weiß es nicht mehr, zu viele. Wie viele Verletzungen und Abwertungen, wie viele Vergleiche, wie viele Male Abscheu darüber. Ich habe darüber nicht geredet, es gab dafür keinen Raum in diesem Haus.

Ich wollte lange Zeit nicht jemanden mit nach hause bringen, zu groß war die Angst, diesen Menschen so etwas auszusetzen. Und ich sollte recht behalten mit meinen Befürchtungen. Ich habe mich geschämt für dieses zuhause. Letztlich waren da zig Kämpfe und irgendwann die Abkehr von dort. Gut hat sich das nicht angefühlt, weil damit auch klar war, dass nun meine Schwester und Mutter die ganze Scheiße alleine ertragen mussten. Irgendwann dann nur noch meine Mutter alleine. Das Fatale daran war eben auch, sich selbst auf der guten Seite zu wähnen, quasi automatisch als gut verortet, weil man das mal so miterlebt hat.

Es hat paar Jahre gedauert, bis ich angefangen habe, bei sowas den Mund aufzumachen, mal direkt, mal unter vier Augen, mal in der kompletten Kollegenrunde, mal als anonyme Anzeige gegenüber meinem Arbeitgeber beim Werberat, mal als aufgekündigte Freundschaft. 

2 Kommentare:

Steffen hat gesagt…

Wie wir neulich schon festgestellt haben - Glotzen ist Kommentieren und nichts kommentieren, was die andere Person nicht in drei Sekunden ändern kann. 🤷

Wenn das ne Spundwand ist, hab ich eine Vermutung, wo das ist ;)

bemme51 hat gesagt…

Ja, die Regel passt immer wieder.

Bingo, und an der Spundwand fahren keine Autos lang.