2007/07/07

wenn der wein sauer ist,...

...dann schütte ihn weg. Ein Satz der mich nie losgelassen hat. Michelangelo, die Malereien in der sixtinischen Kapelle zestörend um Neues, Besseres, Reineres zu erschaffen. Tragik und Schönheit in einem Bildnis.

Lässt mich genauso wenig los wie eine der bittersten Erfahrungen meines Lebens.

Wir waren Freunde. Aufrichtige, ernste Freundschaft. Ehre. Durchlitten die Jugend, Leben, Musik, Schule und Familie, Liebe und Leid. Bis zu dem Anruf und es war klar, einer von uns ging. Motorradunfall, Blutungen aus den Ohren, Hubschrauber, zwei Tage Koma, die elterliche Entscheidung. Verlust für so viele. Die ganze Jugend unserer Stadt, die Enttäuschung, geblieben waren seine Musik, sein Herz, sein Lächeln. Und seine Träume. Einer davon blieb als Verpflichtung und wuchs in uns.

Schliesslich waren wir unterwegs, erst zu viert, letztendlich zu dritt. USA, drei Monate. Drei übriggebliebene und ein Van. Drei Monate Sternenhimmel, Freiheit, Erinnerung und Erfahrung. Bis zu dem Tage, als ich aus fehlendem Mut zwei Freunde verlor.

Eine Kleinigkeit in der Sache, ein unachtsamer Moment, auf ein anderes Auto aufgefahren. Nichts wesentliches, nichtmal ne Delle in der Stossstange, ein paar hundert Dollar vielleicht. Dann ein unbedachter Moment, keiner weit und breit, Gaspedal durchgetreten, weg. Selbst das hätte nicht das Ende unserer Freundschaft bedeutet. Dazu kannten wir einander zu gut. Hatten soviel erlebt, durchgestanden. Aber ich fand nicht den Mut, die Ehrlichkeit mich meinen Freunden anzuvertrauen. Zweifel plagten mich, hin- und hergerissen zwischen der Angst über das Passierte und der Reaktion meiner Freunde. Über die Tage immer stärker die Erkenntnis, es war weniger die Sache an sich die mich nicht schlafen ließ, vielmehr die Erkenntnis ob des missbrauchten Vertrauens meiner Freunde.

Als ich es dann nicht mehr aushalten konnte, habe ich mich einem Bekannten anvertraut, Beruhigung nur für wenige Stunden, Tage. Noch vor Abflug dann die unausweichliche Situation, die ich so gefürchtet aber vollkommen selbst zu verantworten hatte. Ich gestand, alles, den Unfall der eigentlich keiner war, die Fahrerflucht, die vielleicht nie angezeigt wurde, den fehlenden Mut zu dem Ganzen zu stehen, mich den Leuten anzuvertrauen die das grösste Vertrauen in mich hatten, kurzum den Verrat an unserer Freundschaft. Noch in disem Moment wusste ich, dass ich zwei meiner besten, vielleicht wichtigsten Freunde verloren hatte. Und es war um so schlimmer zu erfahren, das nicht das Geschenene vielmehr das Verschwiegene alles zerstörte. Etwas was ich ganz allein zu verantworten hatte.

Wofür? Warum? Kein Schlaf, tagelange Vorwürfe und Selbstzweifel. Jahrelang. Bis heute. Mich anderen anvertraut, kein Ersatz in dem was verloren war. Ist. Sein wird.

Einhergehend mit dem Wissen, das ich nie um Verzeihung bitten kann, darf, weil diese Verzeihung, nicht erbeten werden kann, sondern nur gegeben werden kann. Vielleicht. Vielleicht nie.

Eines habe ich jedoch für mein Leben mitnehmen können. Etwas, das so kostbar ist, das es zu einem Anspruch an mich selbst wurde. Einer, an dem ich mich reinen Gewissens jederzeit messen lassen kann, auf den ich stolz bin, diesen gefunden zu haben. Die Erkenntnis, das der Anspruch, die Basis einer Freundschaft, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit, ja Wahrheit in Ihrer vollen Tiefe ist. Und dass, um den schmerzenden Verlust von Freundschaft noch heute trauernd, entsetzt über mich, daraus einen Anspruch für mein Leben erwuchs. Vertrauen nie aufs Spiel zu setzen, Ehre, Ehrlichkeit, ja im Grunde genommen Wahrheit, das wichtigste ist, was ich mir in meinem Leben erhalten will. Es ist schön zu wisen, dass ich diesem Anspruch bis heute gerecht werden konnte. Ein Gefühl, das stark macht. Diese Ehre werde ich mir meine Lebenszeit nicht nehmen lassen. Etwas was über den eigenen Ängsten steht, was mich diesen begegnen lässt. Genau das ist es, was den guten Weg ausmacht. Alles diesem Anspruch, dieser Wahrheit unterzuordnen.

Aufrichtige Freundschaft, die Wahrheit erträgt, auch unbequeme, letztlich egal ob schöne oder bittere, das grösste was ich je verlor, was ich nie wieder verlieren möchte und nie jemandem wünsche, zu verlieren. Weil man damit soviel von sich selbst verliert. Seinem Anspruch an sich selbst nie wieder aus eigener Kraft gerecht werden kann. Es gibt keine Wahrheit, die so unbequem wäre, als das sie eine ehrliche Freundschaft gefährden könnte.

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